Viel hilft viel? Nach der Arbeit mit tausenden Eltern weiß die Mathe-Expertin: Diese 3 Fehler sollten Sie vermeiden
Fehler 1: Probleme ignorieren oder zu spät reagieren
Viele Eltern hoffen, dass sich Matheprobleme von selbst lösen. Sie denken:
„Das kommt schon noch, das Kind ist ja erst in der Grundschule.“
Doch die Wahrheit ist: Rechnen ist wie ein Hausbau – wenn das Fundament wackelt, bricht alles Weitere zusammen. Je länger Sie warten, desto größer werden die Lücken und mit jedem Schuljahr wird es schwieriger, den Anschluss zu behalten.
Kinder, die frühzeitig Unterstützung bekommen, haben eine viel größere Chance, nicht nur Mathe zu verstehen, sondern auch langfristig Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten zu entwickeln.
Fehler 2: Überforderung durch zu viel Nachhilfe- oder Übungseinheiten
Gut gemeint, aber oft kontraproduktiv: Manche Eltern versuchen, die Defizite ihres Kindes durch ständiges Üben oder Nachhilfe auszugleichen. Das Problem?
Diese Überforderung baut nicht nur Stress auf, sondern festigt auch mit jedem Tag das Gefühl des Kindes, dass Mathe „einfach zu schwer“ oder “dass es selbst nicht gut genug” ist.
Fehler 3: Das Problem auf sich selbst oder das Kind schieben
Viele Eltern machen sich Vorwürfe:
“Das liegt daran, dass ich selbst schon nicht gut in Mathe war.”
„Vielleicht erkläre ich es falsch.“
„Mein Kind versteht Mathe anscheinend einfach nicht.”
Doch diese Sichtweise bringt niemanden weiter. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, gemeinsam einen neuen Ansatz zu finden. Kinder brauchen Unterstützung, die zu ihrer individuellen Lernweise passt und die sie das Thema Mathe mit neuen Augen sehen lässt.
“Ist es vielleicht doch nur eine Phase und ich übertreibe mit meiner Sorge?” Die Bildungsexpertin steht Rede und Antwort
„Wie erkenne ich, ob mein Kind wirklich ein Problem in Mathe hat oder ob es nur eine Phase ist?“
Christine Strauss-Ehret: „Viele Eltern sind unsicher, ob die Schwierigkeiten ihres Kindes vorübergehend sind oder ob sie auf ein tieferes Problem hinweisen. Wenn Ihr Kind regelmäßig Aufgaben nicht versteht, bereits bei einfachen Rechenaufgaben ins Stocken gerät oder auf das Abzählen mit den Händen angewiesen ist, kann das ein Hinweis darauf sein, dass die Grundlagen nicht sicher sitzen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verhalten: Wenn Ihr Kind sagt, dass es Mathe ‚hasst‘, die Hausaufgaben verweigert oder sich zurückzieht, zeigt das oft, dass es nicht nur fachliche, sondern auch emotionale Barrieren gibt. Hier ist es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern, bevor diese Blockaden die Lernbereitschaft und das Selbstwertgefühl dauerhaft beeinträchtigen.”
„Warum verstehen einige Kinder Mathe so viel besser als andere?“
Christine Strauss-Ehret: „Kinder lernen unterschiedlich und brauchen verschiedene Herangehensweisen. Manche Kinder haben ein natürliches Verständnis für Zahlen und können sich Verhältnisse oder Mengen leichter vorstellen. Andere hingegen haben noch kein klares Rechen- und Mengenverständnis entwickelt und benötigen klare Strukturen, Visualisierungen oder praktische Beispiele, um die Zusammenhänge zu begreifen.
Das Schulsystem setzt bei diesen wichtigen mathematischen Grundlagen häufig auf einheitliche Methoden, die für einige Kinder nicht funktionieren. Genau deshalb ist es wichtig, einen individuellen Zugang zu finden, der dafür sorgt, dass es einmal richtig “Klick” macht.”
„Muss ich wirklich ab der 1. und 2. Klasse schon etwas unternehmen oder löst sich das Problem vielleicht doch von ganz alleine?”
Christine Strauss-Ehret: „Leider löst sich das Problem in den meisten Fällen nicht von alleine. Im Gegenteil: Das Kind verliert nicht nur das Vertrauen in seine Fähigkeiten, sondern entwickelt oft auch eine regelrechte Abneigung gegen Mathe. Die Grundschuljahre und insbesondere das 1.-3. Schuljahr sind entscheidend, denn in dieser Zeit wird der Grundstein für alle weiterführenden Schulen gelegt. Und wenn Mathe hier nicht sitzt, wird es immer schwerer werden, überhaupt noch mitzukommen.”
„Sie betonen an vielen Stellen die Dringlichkeit – aber warum sind so viele Eltern verunsichert und holen sich erst Hilfe, wenn es zu spät ist?“
Christine Strauss-Ehret: „Das liegt daran, dass viele Eltern in einem inneren Konflikt sind: Einerseits wollen sie ihrem Kind helfen, bevor es den Anschluss verliert – andererseits haben sie Angst, das Problem durch zu frühes Eingreifen größer zu machen, als es eigentlich ist.
Hinzu kommt, dass viele Eltern sich unwohl fühlen bei dem Gedanken daran, dass ihr Kind “aneckt“ und in einem bestimmten Schulfach Unterstützung braucht.
Doch genau hier müssen wir umdenken: Jedes Kind ist individuell und einzigartig – und in Mathe gibt es eben Kinder, die einen anderen Ansatz brauchen, um ein grundlegendes Rechen- und Mengenverständnis aufzubauen. Somit liegt das Problem weder bei dem Kind noch den Eltern, es liegt an der einseitigen Herangehensweise des Schulsystems.”